Hervorgehoben

Warum bist du so still?

„Warum bist du so still?“ kommt dir dieser Satz bekannt vor? Möglicherweise hast du den Satz oft von Familienangehörigen, von Lehrern oder Arbeitskollegen gehört. Dieser Satz löst bei vielen Menschen negative Gefühle und Gedanken aus. Es schwingt eine stumme Kritik in ihr, die sagt „Du bist nicht normal.“ Warum ist das so? Warum wird Stille heutzutage so negativ bewertet?  

Susan Cain hat sich für ihr Buch „Still – die Kraft der Introvertierten“ intensiv mit dem Thema Introversion auseinandergesetzt und dabei herausgefunden, dass Stillsein in unserer westlichen Welt nicht immer negativ bewertet wurde und selbst heute noch in einem Großteil der Welt als etwas Positives angesehen wird.  In der westlichen Welt gab es jedoch einen Wandel von der sogenannten „Charakterkultur“ zur „Persönlichkeitskultur“. In der „Charakterkultur“ lobte man Eigenschaften wie Fleiß, Hilfsbereitschaft, Moral und Manieren und Zurückhaltung galt als Zeichen guter Erziehung. In der „Persönlichkeitskultur“ dagegen, welche Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, zählten nicht mehr die inneren Werte, sondern das Wirken nach außen. Der ideale Mensch dieser Epoche sollte Energie und Dominanz ausstrahlen und ein guter Redner sein.

Mit diesem Wandel veränderten sich auch Erziehungsratgeber des 20. und 21. Jahrhunderts und stellten Schüchternheit als Problemverhalten dar. Auch wurden Psychopharmaka mit dem Slogan „gegen die Angst nicht dazu zu passen“ vermarktet. Im Diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen (DSM-IV), wird die Angst, vor anderen zu sprechen, als pathologisch angesehen– nicht als Beeinträchtigung oder Nachteil, sondern tatsächlich als Krankheit, wenn sie die beruflichen Leistungen des Betroffenen schmälert.

Aus all diesen Gründen bist du vermutlich mit dem Glauben aufgewachsen nicht in diese Gesellschaft zu passen. Sätze wie „Sei doch nicht so schüchtern“, ausgesprochen von Familie und Lehrern, führen dazu, dass das Kind die Schüchternheit als Charaktereigenschaft statt als eine Emotion, die es lernen kann zu kontrollieren, ansieht. Diese Stigmatisierung als „schüchterne Person“ kann einen Menschen das ganze Leben wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung verfolgen.

Und jetzt die gute Nachricht: Still sein ist völlig normal und gesund und absolut kein Fehler! Etwa 50 % der Menschen sind introvertiert und das ist auch gut so! (Warum das so ist, dazu später mehr!) Du müsst also nicht deine Persönlichkeit ändern oder dich verstellen. Du solltest lediglich deine Nische in dieser Welt finden in der du mit deinem stillen Wesen perfekt reinpasst. Wie Untersuchungen belegen, sind viele der kreativsten Menschen introvertiert, und ihre Kreativität verdanken sie teilweise ihrer Fähigkeit, still zu sein. Introvertierte sind sorgfältige, gründliche Denker, die die erforderliche Einsamkeit ertragen können, um Ideen zu entwickeln. Ein Beispiel ist Steve Wozniak – einer der Gründer von Apple – der im stillen Kämmerlein den ersten Apple-Computer entwickelte.

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Hochsensibilität – Was ist das?

Bist du hochsensibel? Musst du bei traurigen oder schönen Moment immer deine Tränen unterdrücken? Bekommst du eine Gänsehaut wenn du bestimmte Songs hörst? Lassen dich Kaffee, Grüntee und Mate die ganze Nacht wachliegen? Erkennst du blitzschnell wenn sich die emotionale Stimmung in einer Situation ändert? Wenn vieles davon auf dich zutrifft bist du vielleicht hochsensibel.  Hochsensibilität korreliert zwar oft mit Schüchternheit und Introversion, ist aber ein eigenständiges psychologisches Konstrukt, das insbesondere von Elaine Aron intensiv erforscht wurde. Wie auch Introversion, hat Hochsensibilität im Gegensatz zu Schüchternheit körperliche Ursachen.

Die Physiologie von Hochsensiblen. Bevor Elaine Aron sich der Forschung der Hochsensibilität widmete, beobachtete der Forscher Jerry Kagan und sein Team von der Harvard Universität in einer Langzeitstudie, die 1989 begann, die Reaktionen von 500 vier Monate alten Säuglingen auf sensorische Reize (z.B. das Geräusch eines platzenden Luftballons, den Geruch von alkoholgetränkten Wattestäbchen usw.). Ca. 20 % dieser Säuglinge reagierten auf diese Reize durch Schreien und heftiges Strampeln mit Armen und Beinen. Kagan nannte diese Gruppe »hoch reaktiv«. Viele dieser Kinder nahmen im Alter von zwei, vier, sieben und elf Jahren an Folgeuntersuchungen teil, bei denen ihre Reaktionen auf unbekannte Menschen und Ereignisse getestet wurden (Frau in Gasmaske, Mann im Clownskostüm etc. die Forscher waren hier sehr kreativ!). Neben der Beobachtung des Verhaltens der Säuglinge nahmen Kagan und sein Team ebenfalls psychophysiologische Messungen vor. Kagan’s Hypothese war, dass die Ursache von “Hoch-Reaktivität eines Menschen” in der Reizbarkeit seines Mandelkerns (Amygdala) liege. Der Mandelkern befindet sich im sogenannten limbischen System im Gehirn. Er empfängt Informationen von den Sinnesorganen und signalisiert dem übrigen Gehirn und dem Nervensystem, wie sie zu reagieren haben. Tatsächlich bestätigten die Studienergebnisse Kagan’s Hypothese: Hochreaktive Kinder zeigten in Reaktion auf neue Reize starke psychophysiologische Reaktionen des Mandelkerns wie: weit aufgerissene Augen, hoher Puls, verkrampfte Stimmmbänder. Im weiteren Verlauf dieser Langzeitstudie hat Kagan’s Kollege Carl Schwartz die inzwischen erwachsenen Probanden mit der neuesten Technik untersucht: dem funktionellen Magnet-Resonanz-Tomographie-Gerät (fMRT). Im fMRT liegend präsentierte er Probanden über einen Monitor visuelle Stimuli (Bilder). Wieder zeigten die damals als “hoch reaktiv” eingestuften Probanden eine stärkere Reaktion des Mandelkerns im Vergleich zu den als “wenig reaktiv” eingestuften, die Hochsensibilität ist also im Laufe des Erwachsenwerdens geblieben. 

Sind also Hochsensible Marionetten ihres hochreaktiven Mandelkerns, der sie in neuen Situationen stets in den Kampf oder Flucht-Modus versetzt? Nein, sind sie natürlich nicht! Das limbische System wird nämlich vom Neocortex im Gehirn beeinflusst. Der Neokortex spielt eine große Rolle im Entscheidunsfindungsprozess und somit auch bei der Entscheidung, wie auf einen äußeren Reiz reagiert werden kann. fMRT-Studien haben auch gezeigt, dass der Neocortex so trainiert werden kann, dass er den Mandelkern in stressigen Situationen “beruhigt”. 

 Vor- und Nachteile der Hochsensibilität. Die Nachteile liegen wohl auf der Hand: Hochsensible werden stark durch Stimmungen und Gefühle beeinflusst und reagieren in neuartigen Situationen erstmal gestresst. Hochsensible mögen keine abrupten Veränderungen, sie brauchen Zeit sich an neue Situationen zu gewöhnen. Da Hochsensible sehr stark auf überwältigende Stimuli reagieren neigen sie nach schwierigen oder traumatischen Erlebnissen eher dazu eine posttraumatische Belastungsstörung oder ein Burnout zu entwickeln als weniger sensible Menschen. Da Hochsensible viel Zeit für sich allein benötigen, werden sie von anderen oft als schüchtern, schwach oder sogar unsozial abgestempelt. Um dies zu vermeiden versuchen Hochsensible oft krampfhaft ihre Hochsensibiltät zu verstecken was für sie dann zu noch mehr Überstimulation und Stress führt – ein Teufelskreis.

Hochsensibel sein, hat aber durchaus auch Vorteile, von denen vor allem die Mitmenschen der Hochsensiblen profitieren: Durch die starke Wahrnehmung von äußeren Reizen und ihren Sensor für Stimmungsveränderungen bei anderen Menschen sind Hochsensible sehr emphatisch. Sie sind sehr gut geeignet für Berufen in denen Einfühlungsvermögen und Diplomatie gefragt sind. Hochsensible sind auch sehr gute (und vor allem ehrliche) Berater, da sie durch ihren Blick für Details und ihren gelernten Risikovermeidungsstrategien sehr gut darin sind mögliche Fehler und Fallstricke zu entdecken und zu vermeiden. 

Wie kannst du dein Leben an deine Hochsensibilität anpassen? Wichtig ist es, ein angenehmes nicht stress-verursachendes Maß an Stimulation im Leben zu finden: Vielleicht solltest du lieber in einem Vorort als in einer Großstadt wohnen, Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Stoßzeiten vermeiden und in einem Einzelbüro oder im Homeoffice arbeiten statt in einem Großraumbüro. Du solltest dir möglichst einen Job suchen bei dem du möglichst immer weißt was auf dich zukommt ohne große Überraschungen und spontane Planänderungen. Auch ist für Hochsensible eine Work-Life-Balance enorm wichtig, da Hochsensible täglich Ruhe und Zeit brauchen zum Abschalten (und ihren Mandelkern zu beruhigen). 

Wenn das oben genannte in deiner jetzigen Situation nicht einzurichten ist kann du dich auch durch sogenannte Desensibilisierung (deines Mandelkerns) bewusst schrittweise immer stressigeren aber immer noch aushaltbaren Situationen aussetzen und durch dieses Training deine Toleranz für stressige Situationen erhöhen. 

Hochsensibilität und  Introversion. Hochsensibilität ist von Introversion zu unterscheiden. Es gibt sowohl extravertierte Hochsensible als auch introvertierte, die nicht hochsensibel sind. Studien haben allerdings gezeigt dass die Mehrzahl der Hochsensiblen (ca. 70 %) zur Introversion tendieren. Dies kann daher kommen, dass Hochsensible sich regelmäßig zurückziehen müssen um sich von den vielen neuen Sinneseindrücken, die sie täglich wahrnehmen, zu erholen. Man könnte fast sagen, dass sie dank ihrer täglichen Überforderung die Ruhe und Einsamkeit zu schätzen lernen. 

Introvertierte im Berufsleben

Fühlst du dich nach der Arbeit ausgelaugt? Wunderst du dich, dass andere nach der Arbeit noch Hobbies nachgehen können während du nach der Arbeit maximal noch dazu in der Lage bist dich von Unterhaltungsmedien berieseln zu lassen?

Dann bist du von deiner Arbeit oder deiner Arbeitsumgebung eventuell überstimuliert. Unter „überstimuliert“ versteht man in der Fachsprache, dass zu viele Eindrücke (Sehen, Hören, Riechen, etc.) auf einmal auf einen Menschen einprasseln, so dass dieser davon überfordert und abgelenkt ist. Der Psychologe Hans Eysenck fand heraus, dass Extrovertierte mehr Stimulation – also mehr Sinnesreize – bevorzugen als Introvertierte. So mögen Extrovertierte eher die Bürotür offenlassen und beim Arbeiten Radio hören, wohingegen Introvertierte sich lieber in ihrem Büro verschanzen, um konzentriert und in Ruhe arbeiten zu können. Es gibt eine Reihe von Studien, die belegen, dass Introvertierte sensibler als Extrovertierte auf verschiedene Arten von Reizen reagieren: von Kaffee über einen lauten Knall bis zum Stimmengewirr bei Veranstaltungen mit vielen Menschen. Auch zeigen einige Studien, dass Introvertierte und Extravertierte verschiedene Grade der Stimulation brauchen um in Höchstform zu kommen. In einem Experiment des Psychologen Russell G. Geen aus dem Jahr 1984 sollten Introvertierte und Extrovertierte eine schwierige Aufgabe lösen während sie Kopfhörer trugen, aus denen zufällige Geräusche kamen. Sie durften die Lautstärke so einstellen, dass sie für sie „genau richtig“ war. „Genau richtig“ waren für die Extravertierten durchschnittlich 72 Dezibel und für die Introvertierten 55 Dezibel. Die beiden Gruppen schnitten im Übrigen gleich gut ab. In einem Folgeexperiment war die Aufgabe gleich, jedoch beschallte man Introvertierten mit 72 (wie Extrovertierte es lieben) Dezibel lauten Hintergrundgeräuschen und die Extravertierten mit introvertierten 55 Dezibel (wie Introvertierte es lieben) lauten Hintergrundgeräuschen. Beide Gruppen brauchten unter diesen Lernbedingungen durchschnittlich länger um die Übungen zu lösen. Diese Studien zeigen, dass man effektives Arbeit durch das richtige Maß an Stimulation – und angepasst an den Persönlichkeitstypen – steigern kann.

Leider nehmen die meisten Arbeitsplätze hierauf keine Rücksicht. Vor allem in jungen Start-up-Unternehmen sitzen oft sehr viele Menschen in Großraumbüros zusammengepfercht, man wird dazu angehalten die Pausen und auch das Feierabendbier gemeinsam zu „genießen“. Gruppen-Brainstorm und Multitasking sind DIE METHODEN eines modernen Unternehmens. Wissenschaftliche Studien belegen allerdings, dass dies Methoden nicht nur Introvertierte und sozial-ängstliche in Panik versetzen können, sondern, dass sie gar nicht mal so effektiv sind wie gedacht:

Großraumbüros:

Studien haben gezeigt, dass konzeptionelle oder kreative Jobs ein Maximum an Privatsphäre, persönlichen Raum, Kontrolle über physische Umgebung und Störungsfreiheit erfordern. Großraumbüros dagegen mindern die Produktivität, beeinträchtigen das Gedächtnis und sind mit hoher Mitarbeiterfluktuation verbunden.

Multitasking:

Man könnte meinen Großraumbüros erfordern ein hohes Maß an Multitasking-Fähigkeit, da man ständig unterbrochen wird, aber dennoch seine Aufgaben erledigen muss. Wissenschaftler haben inzwischen herausgefunden, dass das Gehirn unfähig ist, zwei Dingen gleichzeitig Aufmerksamkeit zu schenken. Was wie die gleichzeitige Ausführung mehrerer Aufgaben aussieht, ist in Wirklichkeit ein Hin- und Herschalten zwischen ihnen, was die Produktivität senkt und die Fehlerquote um bis zu 50 Prozent erhöht.

Brainstorming:

Studien zum Thema Brainstorm zeigen, dass die Leistung mit steigender Gruppengröße abnimmt: Zum Beispiel bringen Brainstorm-Gruppen von sechs Teilnehmern weniger und schlechtere Ideen hervor als Vierergruppen. Eine Ausnahme stellt das Online-Brainstorming dar. Hier steigt die Leistung sogar mit der Gruppengröße an. Psychologische Gründe für das Versagen von Brainstorming in größeren Gruppen sind:

·  soziale Faulheit (einer macht die Arbeit, der Rest lehnt sich entspannt zurück);

·  eine sogenannte Produktionsblockade entsteht, da nur einer sprechen kann – alle anderen Teilnehmer müssen ihre Ideen zurückhalten bis sie an der Reihe sind. In diesem Zeitintervall zwischen Aufblitzen einer Idee und der Gelegenheit zu sprechen können viele gute Gedanken verloren gehen;

·  die Angst der Teilnehmer von anderen negativ bewertet zu werden;

·  Konformitätsdruck: Gruppenteilnehmer neigen dazu, die Antworten von anderen als richtig zu übernehmen, auch wenn sie anfänglich anderer Meinung sind.

Um als Introvertierter nicht überstimuliert zu sein (und als Extrovertierter nicht unterstimuliert) ist es daher wichtig, sich eine Arbeitsumgebung zu suchen, in dem das Stimulationsbedürfnis berücksichtigt wird. So sollte ein Introvertierter lieber nicht in einem Großraumbüro arbeiten und ein Extrovertierter nicht den ganzen Tag in einem stillen Kämmerlein sitzen.

Hast du aber als eher Introvertierter deinen Traumjob gefunden, in dem du jedoch regelmäßig überstimuliert wirst, so ist es wichtig, für dich Momente der Regeneration zu schaffen. Der Psychologe Brian Little empfiehlt in solchen Situationen ein „Free-Trait-Abkommen“ abzuschließen. Mit diesem Vertrag erklären wir uns bereit für das was wir lieben – zum Beispiel unsere Arbeit – zeitweise gegen unser Naturell zu handeln, im Austausch dafür, dass wir die übrige Zeit wir selbst sein dürfen. Zum Beispiel kannst du einen Vortrag halten oder auf eine Netzwerk-Veranstaltung gehen – Situationen, die Introvertierte meist viel stärker auslaugen als Extrovertierte – wenn du dir den Tag darauf einen Wellness—Tag gönnst bei dem du von zuhause aus arbeitest und einfach mal das Alleinsein genießt.

Bei der Suche nach dem zu deinem Temperament passenden Job zu aber auch bei der Ausarbeitung deines Free-Trait-Abkommens bin ich dir gerne behilflich. Schreibe mir einfach über das Kontaktformular und wir finden gemeinsam einen Weg! 

Ist Introversion = Schüchternheit?

Was bedeutet es überhaupt, wenn jemand „schüchtern“ ist? Eine wissenschaftliche Definition zu Schüchternheit gibt es nicht. Es wird aber meist definiert als die Angst eines Menschen beim Anknüpfen zwischenmenschlicher Beziehungen. Im Gegensatz zu Introvertierten, die sich gerne zurückziehen, um sich von der Überstimulierung durch äußere Reize zu erholen, ziehen sich Schüchterne zurück, weil sie Schwierigkeiten haben auf Menschen zuzugehen. Dies oft aus der Angst heraus sich zu blamieren oder negativ bewertet zu werden. Introversion ist also ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich in allen Lebenssituationen zeigt, Schüchternheit zeigt sich nur in Situationen mit nicht vertrauten Personen. Schüchternheit, das in früheren Zeiten sowie heute noch in anderen Kulturen als Tugend angesehen wurde, wird heute in unserer westlichen Welt oft als ein Problem dargestellt. Dies liegt unter anderem daran, dass es mit einigen psychischen Erkrankungen, wie der Sozialphobie, in Verbindung gebracht wird. Sind schüchterne Menschen also krank? Nein! Zum Problem wird Schüchternheit erst, wenn die Angst vor sozialer Interaktion Menschen in ihrem täglichen Leben so stark einschränkt, dass es ihnen z.B. unmöglich ist das Haus zu verlassen oder einer Arbeit nachzugehen.

Was ist die Ursache von Schüchternheit? Hier spielt sowohl Genetik als auch der Einfluss der Umwelt eine Rolle. Schüchterne Menschen haben oft auch schüchterne Eltern und Geschwister, dies auch wenn sie getrennt voneinander aufgewachsen sind (Studien mit eineiigen Zwillingen können dies sehr gut belegen). Der Entwicklungspsychologe Jerry Kagan beobachtete in einer Langzeitstudie, dass Babys, die eine hohe Reaktivität des Nervensystems zeigten, im Erwachsenenalter oft als „schüchtern“ klassifiziert werden konnten. Diese Kinder reagierten heftiger – durch Schreien und Zucken – auf unbekannte Gegenstände als Kinder mit weniger reaktiven Nervensystemen. Auf Hochsensibilität – auch ein sehr spannendes Thema – werde ich in meinem nächsten Artikel näher eingehen!

Auch die Erziehung spielt bei der Entwicklung von Schüchternheit eine Rolle. Oft haben Schüchterne eine sogenannte „unsichere Bindung“ zu ihren Eltern. Die Reaktionen der Eltern auf ihr Kind sind entscheidend für die Entwicklung einer sicheren oder unsicheren Bindung. Eine unsichere Bindung entsteht meist, wenn die Art der Erziehung inkonsistent und unzuverlässig ist und die Eltern das Bedürfnis des Kindes nach Sicherheit, Zuneigung und Geborgenheit nicht befriedigen können. Diese Kinder entwickeln eine Erwartungshaltung, dass ihre Wünsche stets auf Ablehnung stoßen und ihnen kein Anspruch auf Liebe und Unterstützung zusteht. Als Resultat werden Beziehung oft gemieden aus Angst abgelehnt zu werden.

Schüchternheit – unabhängig von dessen Ursache – führt oft zu einer Reihe verlorener Möglichkeiten in der Kindheit: wenig soziale Interaktionen und dadurch ein verzögertes Erlernen sozialer Kompetenzen, sie gehören meist nicht zu den „coolen“ Cliquen und erleben anstelle von Teenager-Abenteuern einsame und zurückgezogene Tage in ihrem Zimmer. Schüchterne Kinder sind in unserer westlichen Kultur meist eher unbeliebt (in Asien gehören sie zu den beliebteren Kindern!) und sind daher oft Opfer von Ablehnung und Mobbing. Dies führt oft zu einem verminderten Selbstwertgefühl, einer höheren Ängstlichkeit und sozialem Rückzug. Als Heranwachsende und Erwachsene neigen Schüchterne oft zu Alkohol- und Drogenmissbrauch, da Alkohol- und Drogenkonsum ihnen dabei hilft ihre Hemmungen zu reduzieren. Diese Bewältigungsstrategie kann dazu führen, dass soziale Situationen irgendwann nur noch mithilfe von Drogen und Alkohol bewältigt werden können. Hiervon ist also dringendst abzuraten!

Was kann man stattdessen tun, wenn Schüchternheit zum Problem wird? Durch das Erlernen sozialer Kompetenzen (Social Skills Trainings) können Schüchterne lernen auf (fremde) Menschen zuzugehen und sich in einer Gruppe weniger unbehaglich zu fühlen. Auch kann in einer kognitiven Verhaltenstherapie an negativen Denkmustern („Niemand mag mich.“) gearbeitet werden. Vor allem Social Skills Trainings haben eine hohe Erfolgsquote.

Und was hat das jetzt mit Introversion zu tun? An dieser Stelle kann ich endlich die Anfangsfrage beantworten: Introvertiertheit ist nicht das gleiche wie Schüchternheit! Introvertierte sind nicht von Natur aus schüchtern, jedenfalls nicht immer! Durch ihre Zurückgezogenheit erleben Introvertierte allerdings leider häufig Ablehnung und werden als Sonderlinge gesehen, was auch zu einer Entwicklung von Schüchternheit bis zu sozialer Ängstlichkeit führen kann. Es entwickeln sich jedoch nicht alle Introvertierten zu Schüchternen. Der wesentliche Unterschied zwischen Schüchternen und Introvertierten ist, dass letztere allein sein wollen, Schüchterne sich dagegen nach sozialen Kontakten sehnen, ihnen aber die Fähigkeiten und der Mut dazu fehlen, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.

Gibt es (in unserer westlichen Welt) auch positive Aspekte von Schüchternheit? In ihrem Artikel „The Cost of Shyness“ beschreiben die Wissenschaftler Bernardo Carducci und Philip Zimbardo sehr schön welchen positiven Effekt Schüchterne auf andere haben: Sie sind oft sehr gute Zuhörer und wenn sie es schaffen ihre Gehemmtheit abzulegen können sie auch sehr unterhaltend sein, da sie mit ganzem Herzen und ihrer ganzen Aufmerksamkeit dabei sind wenn ihr Gegenüber spricht. Schüchterne Kinder zeichnen sich auch oft durch ihre starke Fähigkeit zur Empathie aus. Sie sind loyal und werden von ihren Freunden sehr geschätzt.

Mehr zum Thema Bewältigungsstrategien bei starker Schüchternheit erfahrt ihr bald in einem gesonderten Artikel.