Hochsensibilität – Was ist das?

Bist du hochsensibel? Musst du bei traurigen oder schönen Moment immer deine Tränen unterdrücken? Bekommst du eine Gänsehaut wenn du bestimmte Songs hörst? Lassen dich Kaffee, Grüntee und Mate die ganze Nacht wachliegen? Erkennst du blitzschnell wenn sich die emotionale Stimmung in einer Situation ändert? Wenn vieles davon auf dich zutrifft bist du vielleicht hochsensibel.  Hochsensibilität korreliert zwar oft mit Schüchternheit und Introversion, ist aber ein eigenständiges psychologisches Konstrukt, das insbesondere von Elaine Aron intensiv erforscht wurde. Wie auch Introversion, hat Hochsensibilität im Gegensatz zu Schüchternheit körperliche Ursachen.

Die Physiologie von Hochsensiblen. Bevor Elaine Aron sich der Forschung der Hochsensibilität widmete, beobachtete der Forscher Jerry Kagan und sein Team von der Harvard Universität in einer Langzeitstudie, die 1989 begann, die Reaktionen von 500 vier Monate alten Säuglingen auf sensorische Reize (z.B. das Geräusch eines platzenden Luftballons, den Geruch von alkoholgetränkten Wattestäbchen usw.). Ca. 20 % dieser Säuglinge reagierten auf diese Reize durch Schreien und heftiges Strampeln mit Armen und Beinen. Kagan nannte diese Gruppe »hoch reaktiv«. Viele dieser Kinder nahmen im Alter von zwei, vier, sieben und elf Jahren an Folgeuntersuchungen teil, bei denen ihre Reaktionen auf unbekannte Menschen und Ereignisse getestet wurden (Frau in Gasmaske, Mann im Clownskostüm etc. die Forscher waren hier sehr kreativ!). Neben der Beobachtung des Verhaltens der Säuglinge nahmen Kagan und sein Team ebenfalls psychophysiologische Messungen vor. Kagan’s Hypothese war, dass die Ursache von “Hoch-Reaktivität eines Menschen” in der Reizbarkeit seines Mandelkerns (Amygdala) liege. Der Mandelkern befindet sich im sogenannten limbischen System im Gehirn. Er empfängt Informationen von den Sinnesorganen und signalisiert dem übrigen Gehirn und dem Nervensystem, wie sie zu reagieren haben. Tatsächlich bestätigten die Studienergebnisse Kagan’s Hypothese: Hochreaktive Kinder zeigten in Reaktion auf neue Reize starke psychophysiologische Reaktionen des Mandelkerns wie: weit aufgerissene Augen, hoher Puls, verkrampfte Stimmmbänder. Im weiteren Verlauf dieser Langzeitstudie hat Kagan’s Kollege Carl Schwartz die inzwischen erwachsenen Probanden mit der neuesten Technik untersucht: dem funktionellen Magnet-Resonanz-Tomographie-Gerät (fMRT). Im fMRT liegend präsentierte er Probanden über einen Monitor visuelle Stimuli (Bilder). Wieder zeigten die damals als “hoch reaktiv” eingestuften Probanden eine stärkere Reaktion des Mandelkerns im Vergleich zu den als “wenig reaktiv” eingestuften, die Hochsensibilität ist also im Laufe des Erwachsenwerdens geblieben. 

Sind also Hochsensible Marionetten ihres hochreaktiven Mandelkerns, der sie in neuen Situationen stets in den Kampf oder Flucht-Modus versetzt? Nein, sind sie natürlich nicht! Das limbische System wird nämlich vom Neocortex im Gehirn beeinflusst. Der Neokortex spielt eine große Rolle im Entscheidunsfindungsprozess und somit auch bei der Entscheidung, wie auf einen äußeren Reiz reagiert werden kann. fMRT-Studien haben auch gezeigt, dass der Neocortex so trainiert werden kann, dass er den Mandelkern in stressigen Situationen “beruhigt”. 

 Vor- und Nachteile der Hochsensibilität. Die Nachteile liegen wohl auf der Hand: Hochsensible werden stark durch Stimmungen und Gefühle beeinflusst und reagieren in neuartigen Situationen erstmal gestresst. Hochsensible mögen keine abrupten Veränderungen, sie brauchen Zeit sich an neue Situationen zu gewöhnen. Da Hochsensible sehr stark auf überwältigende Stimuli reagieren neigen sie nach schwierigen oder traumatischen Erlebnissen eher dazu eine posttraumatische Belastungsstörung oder ein Burnout zu entwickeln als weniger sensible Menschen. Da Hochsensible viel Zeit für sich allein benötigen, werden sie von anderen oft als schüchtern, schwach oder sogar unsozial abgestempelt. Um dies zu vermeiden versuchen Hochsensible oft krampfhaft ihre Hochsensibiltät zu verstecken was für sie dann zu noch mehr Überstimulation und Stress führt – ein Teufelskreis.

Hochsensibel sein, hat aber durchaus auch Vorteile, von denen vor allem die Mitmenschen der Hochsensiblen profitieren: Durch die starke Wahrnehmung von äußeren Reizen und ihren Sensor für Stimmungsveränderungen bei anderen Menschen sind Hochsensible sehr emphatisch. Sie sind sehr gut geeignet für Berufen in denen Einfühlungsvermögen und Diplomatie gefragt sind. Hochsensible sind auch sehr gute (und vor allem ehrliche) Berater, da sie durch ihren Blick für Details und ihren gelernten Risikovermeidungsstrategien sehr gut darin sind mögliche Fehler und Fallstricke zu entdecken und zu vermeiden. 

Wie kannst du dein Leben an deine Hochsensibilität anpassen? Wichtig ist es, ein angenehmes nicht stress-verursachendes Maß an Stimulation im Leben zu finden: Vielleicht solltest du lieber in einem Vorort als in einer Großstadt wohnen, Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Stoßzeiten vermeiden und in einem Einzelbüro oder im Homeoffice arbeiten statt in einem Großraumbüro. Du solltest dir möglichst einen Job suchen bei dem du möglichst immer weißt was auf dich zukommt ohne große Überraschungen und spontane Planänderungen. Auch ist für Hochsensible eine Work-Life-Balance enorm wichtig, da Hochsensible täglich Ruhe und Zeit brauchen zum Abschalten (und ihren Mandelkern zu beruhigen). 

Wenn das oben genannte in deiner jetzigen Situation nicht einzurichten ist kann du dich auch durch sogenannte Desensibilisierung (deines Mandelkerns) bewusst schrittweise immer stressigeren aber immer noch aushaltbaren Situationen aussetzen und durch dieses Training deine Toleranz für stressige Situationen erhöhen. 

Hochsensibilität und  Introversion. Hochsensibilität ist von Introversion zu unterscheiden. Es gibt sowohl extravertierte Hochsensible als auch introvertierte, die nicht hochsensibel sind. Studien haben allerdings gezeigt dass die Mehrzahl der Hochsensiblen (ca. 70 %) zur Introversion tendieren. Dies kann daher kommen, dass Hochsensible sich regelmäßig zurückziehen müssen um sich von den vielen neuen Sinneseindrücken, die sie täglich wahrnehmen, zu erholen. Man könnte fast sagen, dass sie dank ihrer täglichen Überforderung die Ruhe und Einsamkeit zu schätzen lernen. 

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