Ist Introversion = Schüchternheit?

Was bedeutet es überhaupt, wenn jemand „schüchtern“ ist? Eine wissenschaftliche Definition zu Schüchternheit gibt es nicht. Es wird aber meist definiert als die Angst eines Menschen beim Anknüpfen zwischenmenschlicher Beziehungen. Im Gegensatz zu Introvertierten, die sich gerne zurückziehen, um sich von der Überstimulierung durch äußere Reize zu erholen, ziehen sich Schüchterne zurück, weil sie Schwierigkeiten haben auf Menschen zuzugehen. Dies oft aus der Angst heraus sich zu blamieren oder negativ bewertet zu werden. Introversion ist also ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich in allen Lebenssituationen zeigt, Schüchternheit zeigt sich nur in Situationen mit nicht vertrauten Personen. Schüchternheit, das in früheren Zeiten sowie heute noch in anderen Kulturen als Tugend angesehen wurde, wird heute in unserer westlichen Welt oft als ein Problem dargestellt. Dies liegt unter anderem daran, dass es mit einigen psychischen Erkrankungen, wie der Sozialphobie, in Verbindung gebracht wird. Sind schüchterne Menschen also krank? Nein! Zum Problem wird Schüchternheit erst, wenn die Angst vor sozialer Interaktion Menschen in ihrem täglichen Leben so stark einschränkt, dass es ihnen z.B. unmöglich ist das Haus zu verlassen oder einer Arbeit nachzugehen.

Was ist die Ursache von Schüchternheit? Hier spielt sowohl Genetik als auch der Einfluss der Umwelt eine Rolle. Schüchterne Menschen haben oft auch schüchterne Eltern und Geschwister, dies auch wenn sie getrennt voneinander aufgewachsen sind (Studien mit eineiigen Zwillingen können dies sehr gut belegen). Der Entwicklungspsychologe Jerry Kagan beobachtete in einer Langzeitstudie, dass Babys, die eine hohe Reaktivität des Nervensystems zeigten, im Erwachsenenalter oft als „schüchtern“ klassifiziert werden konnten. Diese Kinder reagierten heftiger – durch Schreien und Zucken – auf unbekannte Gegenstände als Kinder mit weniger reaktiven Nervensystemen. Auf Hochsensibilität – auch ein sehr spannendes Thema – werde ich in meinem nächsten Artikel näher eingehen!

Auch die Erziehung spielt bei der Entwicklung von Schüchternheit eine Rolle. Oft haben Schüchterne eine sogenannte „unsichere Bindung“ zu ihren Eltern. Die Reaktionen der Eltern auf ihr Kind sind entscheidend für die Entwicklung einer sicheren oder unsicheren Bindung. Eine unsichere Bindung entsteht meist, wenn die Art der Erziehung inkonsistent und unzuverlässig ist und die Eltern das Bedürfnis des Kindes nach Sicherheit, Zuneigung und Geborgenheit nicht befriedigen können. Diese Kinder entwickeln eine Erwartungshaltung, dass ihre Wünsche stets auf Ablehnung stoßen und ihnen kein Anspruch auf Liebe und Unterstützung zusteht. Als Resultat werden Beziehung oft gemieden aus Angst abgelehnt zu werden.

Schüchternheit – unabhängig von dessen Ursache – führt oft zu einer Reihe verlorener Möglichkeiten in der Kindheit: wenig soziale Interaktionen und dadurch ein verzögertes Erlernen sozialer Kompetenzen, sie gehören meist nicht zu den „coolen“ Cliquen und erleben anstelle von Teenager-Abenteuern einsame und zurückgezogene Tage in ihrem Zimmer. Schüchterne Kinder sind in unserer westlichen Kultur meist eher unbeliebt (in Asien gehören sie zu den beliebteren Kindern!) und sind daher oft Opfer von Ablehnung und Mobbing. Dies führt oft zu einem verminderten Selbstwertgefühl, einer höheren Ängstlichkeit und sozialem Rückzug. Als Heranwachsende und Erwachsene neigen Schüchterne oft zu Alkohol- und Drogenmissbrauch, da Alkohol- und Drogenkonsum ihnen dabei hilft ihre Hemmungen zu reduzieren. Diese Bewältigungsstrategie kann dazu führen, dass soziale Situationen irgendwann nur noch mithilfe von Drogen und Alkohol bewältigt werden können. Hiervon ist also dringendst abzuraten!

Was kann man stattdessen tun, wenn Schüchternheit zum Problem wird? Durch das Erlernen sozialer Kompetenzen (Social Skills Trainings) können Schüchterne lernen auf (fremde) Menschen zuzugehen und sich in einer Gruppe weniger unbehaglich zu fühlen. Auch kann in einer kognitiven Verhaltenstherapie an negativen Denkmustern („Niemand mag mich.“) gearbeitet werden. Vor allem Social Skills Trainings haben eine hohe Erfolgsquote.

Und was hat das jetzt mit Introversion zu tun? An dieser Stelle kann ich endlich die Anfangsfrage beantworten: Introvertiertheit ist nicht das gleiche wie Schüchternheit! Introvertierte sind nicht von Natur aus schüchtern, jedenfalls nicht immer! Durch ihre Zurückgezogenheit erleben Introvertierte allerdings leider häufig Ablehnung und werden als Sonderlinge gesehen, was auch zu einer Entwicklung von Schüchternheit bis zu sozialer Ängstlichkeit führen kann. Es entwickeln sich jedoch nicht alle Introvertierten zu Schüchternen. Der wesentliche Unterschied zwischen Schüchternen und Introvertierten ist, dass letztere allein sein wollen, Schüchterne sich dagegen nach sozialen Kontakten sehnen, ihnen aber die Fähigkeiten und der Mut dazu fehlen, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.

Gibt es (in unserer westlichen Welt) auch positive Aspekte von Schüchternheit? In ihrem Artikel „The Cost of Shyness“ beschreiben die Wissenschaftler Bernardo Carducci und Philip Zimbardo sehr schön welchen positiven Effekt Schüchterne auf andere haben: Sie sind oft sehr gute Zuhörer und wenn sie es schaffen ihre Gehemmtheit abzulegen können sie auch sehr unterhaltend sein, da sie mit ganzem Herzen und ihrer ganzen Aufmerksamkeit dabei sind wenn ihr Gegenüber spricht. Schüchterne Kinder zeichnen sich auch oft durch ihre starke Fähigkeit zur Empathie aus. Sie sind loyal und werden von ihren Freunden sehr geschätzt.

Mehr zum Thema Bewältigungsstrategien bei starker Schüchternheit erfahrt ihr bald in einem gesonderten Artikel.

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